KAPITEL eins
„Guten Morgen, Frau Brenner.“ Mit einem Lächeln, das mir die Natur eigens für diesen Menschen zugedacht zu haben schien, grüßte ich meine fünfundneunzigjährige Nachbarin im Vorbeigehen.
Omi Brenner war eine muntere, alte Dame mit sehr gepflegtem Äußeren, einem ebensolchen Inneren sowie einer Vorliebe für Kinderkriminalromane. Außerdem war sie schwerhörig. Ich mochte sie. Sehr.
„Ich gehe einkaufen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“
Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie meine Lippen. Als lägen dort noch Wortfetzen rum.
„Ich gehe einkaufen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“, wiederholte ich daher etwas vernehmbarer.
„Guten Morgen, Fräulein Josephine.“ Frau Brenner legte einen Finger hinters Ohr und neigte den Kopf in meine Richtung.
Ich mochte, dass sie mich Fräulein nannte. Natürlich war ihr mein fortwährend wechselnder Herrenbesuch nicht entgangen. Doch solange ich keinen Ring an der rechten Hand trug, blieb ich für sie Fräulein Josephine.
„WAS HABEN SIE GESAGT?“ Ihre Worte beschallten den Hausflur wie die Durchsage eines Stadionsprechers.
„ICH GEHE EINKAUFEN. KANN ICH IHNEN ETWAS MITBRINGEN?“
In ihrem Blick lag eine Spur mütterlichen Vorwurfs. Sie berührte meinen Arm. „Liebes Fräulein Josephine“, sagte sie schließlich mit bekümmertem Blick. „Um diese Zeit schon? Das tut Ihnen nicht gut. Glauben Sie mir, Kindchen.“
„Äh...“
Meinen Gesichtsausdruck ganz offensichtlich missdeutend, lächelte sie nachsichtig. „Später können Sie mir aber trotzdem gerne noch ein Ständchen bringen.“
Ich benötigte nur wenige Sekunden, um zu kombinieren.
„Frau Brenner“, begann ich, „ich gehe einen saufen. Kann ich Ihnen dann etwas singen?“
„Ach“, antwortete Omi Brenner erfreut. „Das wäre nett. Mir ist die Milch ausgegangen. Wenn Sie so lieb wären, Fräulein Josephine?“
Ich nickte ihr augenzwinkernd zu und machte mich eilends auf den Weg.
Der Frankfurter Berufsverkehr brachte mich schier zur Verzweiflung. Ich drehte das Radio lauter, um das Motorgeräusch meines alten, signalroten Käfers zu übertönen. Ich liebte diese Karre, auch wenn bei jeder Tankfüllung ein, zwei graue Haare inklusive waren. Ich war froh, mir bei meinem Budget überhaupt ein Auto leisten zu können.
Ich hastete, nachdem ich einer miesepetrig dreinschauenden Mutter mit zwei plärrenden Kindern auf dem Rücksitz den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte, in den Supermarkt und studierte eilends meine Einkaufsliste.
Für heute hatte ich einen italienischen Abend geplant. Nachdem meine Wahl, etwa fünfzehn Minuten und dreiundzwanzig Flaschen Wein später, endlich auf einen süffigen Roten gefallen war, wendete ich schwungvoll meinen Einkaufswagen Richtung Pasta.
„Oh! Sorry. Tut mir leid“, entschuldigte ich mich schnell bei der erschrockenen Frau, der ich die Rollen meines Wagens in die Hacken gerammt hatte. „Frau Erdinger...“ Ich erkannte die gutaussehende Brünette Ende vierzig.
„Josephine. Hallo.“ Sie rieb sich die linke Ferse und zog ihren Schuh wieder an.
„Habe ich Ihnen wehgetan? Es tut mir wirklich sehr leid“, entschuldigte ich mich nochmals und tat besorgt.
„Nein, Josephine. Nicht der Rede wert“, winkte sie ab. „Ich habe mich nur erschrocken.“
Das habe ich auch, dachte ich.
Frau Erdinger warf einen interessierten Blick in meinen Einkaufswagen. „Sieht nach einem italienischen Abend aus?“
Ich nickte zustimmend.
„Hach“, seufzte sie. „Würde ich auch gerne mal wieder mit meinem Mann machen. Aber er hat so schrecklich viel in der Firma zu tun, wissen Sie?“
Natürlich weiß ich das.
„Überhaupt keine Zeit mehr für Privatleben. Ständig Überstunden.“ Sie blinzelte betrübt. „So ein italienisches Essen würde ihm bestimmt guttun.“
Das wird es ganz bestimmt, sprach die Stimme in meinem Kopf. Und auf den Nachtisch freut er sich ganz besonders.
„Ähm“, ich sah demonstrativ auf meine Uhr, „ich muss leider weiter. Haben Sie sich wirklich nichts getan?“
„Alles gut. Ich habe mir nichts getan. Tschüss und viel Vergnügen bei Ihrem italienischen Abend.“ Frau Erdinger winkte lächelnd ab.
Den werde ich haben, griente ich. Zugegeben, gänzlich gewissenlos.
Erst an der Kasse bemerkte ich, dass die Milch für Omi Brenner fehlte und drängte hektisch mit dem Einkaufswagen zurück.
„Verdammt! Können Sie nicht aufpassen?“, schimpfte ich, als mir zwei auffallend muskulöse Männer den Weg versperrten.
„Na, hör mal! Du bist mir gerade über den Fuß gefahren“, entgegnete einer der beiden ein.
„Dann tu ihn halt weg.“ Ich knurrte ungehalten.
„Momentchen mal.“ Er packte, nicht bedrohlich, aber dennoch mit Nachdruck, meinen Arm. „Wie wäre es mit einer Entschuldigung?“
„Wie wäre es, wenn du dir selbst einen Gefallen tätest und mich auf der Stelle loslässt?“, knurrte ich stattdessen.
Die beiden Muskelpakete warfen sich in stummer Übereinkunft einen Blick zu und setzten dann ein dämliches Grinsen auf.
„Stark, die Kleine“, frotzelten sie.
Mit einem wütenden Ruck hatte ich meinen Arm aus dem festen Griff gelöst. „Wenigstens nicht mit anabolen Steroiden bis zum Libidoverlust vollgepumpt“, keifte ich und setzte mich wieder in Bewegung. „Und jetzt lasst mich gefälligst durch.“
„Zicke“, hörte ich sie noch sagen, als ich meinen Wagen an ihnen vorbei Richtung Milch schob und zischte ihnen ein „Aufgeblasene Möchtegern-Arnies!“ zum Abschied zu.
Gott, wie ich diese fitnessbesessenen, Energydrink trinkenden Hantelfanatiker hasste. Ich war ein absoluter Sportmuffel und überzeugt, mir das auch erlauben zu dürfen. Das Leben war Kampf genug, wie ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung wusste. Außerdem hatte die Natur es gut mit mir gemeint. Mit annähernd fünfunddreißig konnte ich mich immer noch ungeniert bauchfrei zeigen. Meine Haut war rein und ich hatte einen ebenmäßigen Teint. Auch mein glattes, hellblondes Haar kam ohne besondere Pflege aus und reichte inzwischen bis zur Hüfte. Nur mit der Sehkraft hatte es die Natur nicht ganz so gut gemeint.
Wegen meiner beharrlich fortschreitenden Kurzsichtigkeit sammelten sich, als eine meiner leider kostspieligen Leidenschaften, mittlerweile gut ein Dutzend Brillen in allen Formen und Gläserfarben auf meiner Schlafzimmerkommode. „Komm schon, Jo! Mach uns die Anastacia! Büddeee“, bettelten meine beste Freundin Brini und mein kleiner Bruder Gil immer wieder. Und sobald das Trio Infernale, wie wir in unserer Clique genannt wurden, den entsprechenden Blutalkoholspiegel aufwies, drehten wir den Lautstärkeregler des alten CD-Players nach oben und zogen eine Bühnenshow im heimischen Wohnzimmer ab. Hier kam uns Omi Brenners Schwerhörigkeit zugute. Insgeheim waren wir aber alle drei davon überzeugt, dass sie schlicht so nachsichtig war, uns den Spaß zu gönnen.
Rasch packte ich zwei Flaschen Milch in den Einkaufswagen und eilte zurück zur Kasse. Prompt stand ich hinter den beiden Anabolikern. Ich verspürte sofort das dringende Bedürfnis, ihnen meinen Wagen in die muskulösen Waden zu rammen, riss mich aber zusammen.
Der kleinere der beiden verpasste seinem Kumpel einen Seitenhieb, der mich daraufhin ein- und ziemlich aufdringlich musterte.
Ich verdrehte die Augen und zog unwillkürlich mein T-Shirt über den Bauchnabel. Dadurch blitzte allerdings ein Teil des Tattoos über meiner rechten Brust hervor.
„Hat das nicht wehgetan?“, fragte der Kleine mit Blick auf die dreidimensional gestochene Spinne.
„Was soll die blöde Frage?“ Genervt zupfte ich den Ausschnitt nach oben, was zur Folge hatte, dass mein Bauchnabel wieder sichtbar wurde.
„Na, wenn man an so empfindlichen Körperteilen gestochen wird?“
„Bescheuerter geht’s nicht, was?“ Ich lehnte mich nach vorn und flüsterte ihm ins Ohr: „Was denkst du? Wird es denn weh tun, wenn ich in deine aufgeblasenen Körperregionen pieke? Oder geht dir dann einfach nur ganz langsam die Luft aus?“
Er griente. Ich nicht.
„Würde gerne wissen, wo da noch überall Tattoos sind?“ Sein Grinsen wurde immer breiter. Und dämlicher.
„Zieh Leine, Hirni!“ Meine Hände wurden feucht. Ich hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Bei näherer Betrachtung der Oberarme hielt ich eine verbale Auseinandersetzung allerdings für ratsamer.
„Kleine Zicke“, lachte er. „Man sieht sich.“
„Hoffentlich nicht mehr in diesem Leben“, rief ich ihnen nach, als sie endlich, immer noch lachend, im Ausgang verschwanden.
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